Die 4. OP / was habe ich gelernt?

So ausschweifend ich über die vergangenen Operationen berichtete, so einfach lässt sich die vierte OP beschreiben. Keine Komplikationen, kein Erbrechen, keine Schmerzen. Die Naht hält. Bis heute, und heute sind fünf Wochen vergangen. Ich fahre Rad und führe in meiner spärlich eingerichteten Einsiedlerwohnung moderate Kraftübungen durch, die mir den Eindruck vermitteln, ich könnte wieder zu alter Stärke finden. Eine Vorstellung, die mir sehr gut gefällt. Es geht mir körperlich immer besser. Die Probleme bestehen noch in der Häufigkeit der auftretenden Durchfälle. Allerdings kann ich auch hier vorsichtig von leichten Erfolgen sprechen, wenn ich mich von 22 täglichen WC-Besuchen auf acht reduziert habe.

Ich erstelle gezwungenermaßen eigene Ernährungstabellen, die auf meine Bedürfnisse zugeschnitten sind. Dazu probiere ich aus, füge hinzu, lasse weg und modifiziere nahezu täglich. Regelmäßig gibt es Rückschläge, die mich tatsächlich in die Knie zwingen. Das vorläufige Resultat ist, dass ballaststoffreiche Ernährung ein NO-GO für mich ist. Ich vertrage Haferflocken, Bananen, Apfelchips, Weißbrot, Quark, Nudeln (kein Vollkorn), Fisch, Kartoffeln, jede Form von Breien, Salzstangen, Schokolade (90% Kakaoanteil), Rotwein (für das Delirium zwischendurch) und besonders grünen und schwarzen Tee. Außerdem mache ich sehr gute Erfahrungen mit reinem Kakao, den ich in Wasser auflöse. Trinke ich dies vor dem Schlafengehen und nehme noch geriebenen Apfel zu mir, gelingt es mir zwischenzeitlich fast, nachts fünf Stunden durchzuschlafen. Zudem versuche ich, so gut es geht, auf industriellen Zucker zu verzichten. Erst heute saß ich mit einer Freundin in einem Kieler Restaurant und verspeiste zum Nachtisch ein Tiramisu. Soviel dazu.

Der mit unbändiger Neugier und nicht enden wollendem Interesse ausgestatte Leser erkennt unschwer, dass ich mich überwiegend an Lebensmitteln mit „stopfender“ Wirkung orientiere. Jede Ausnahme hiervon führt zu fatalen und sich krümmenden Folgen.

An dieser Stelle ist mir eines wichtig. Ich habe diese Artikel nicht geschrieben, um Mitleid zu erregen. Einerseits schreibe ich mir hier viele Dinge von der Seele, indem ich sie mir noch einmal visuell präsentiere. Ich denke darüber nach, lese den Text, vieles fällt mir wieder ein, was ich vielleicht verdrängt oder kompensiert habe. Es ist ein Stück Therapie, welches mich mental und seelisch reinigt und mir anschaulich verdeutlicht, dass mir mein Körper gezeigt hat, wie es sich anfühlen kann, wenn die „Stop“-Taste gedrückt wird. Allerdings zeigt er mir gerade auch den „Reset“-Knopf. Er geht fair mit mir um und gibt mir noch eine Chance. So interpretiere ich es.

Andererseits ist es mir wichtig, Betroffenen das Gefühl zu vermitteln, dass es sich lohnt, der Fähigkeit des Organismus zu vertrauen, zu wissen, was ihm gut tut und was nicht. Unsere Aufgabe ist es, die Signale zu hören und richtig zu interpretieren. Wenn mir etwas nicht gut bekommt, dann nehme ich es nicht zu mir, bloß weil es anderen Menschen keine Probleme bereitet. Unser Organismus ist wesentlich intelligenter als der Mensch, den er am Leben hält, mit Energie versorgt und dem er sehr viel verzeiht. Der Organismus hat alle Bereiche seiner Systeme zeitgleich im Blick. Er sorgt für Harmonie in ihren Abläufen. Dabei geht er gleichzeitig ressourcensparend vor und gibt nur soviel an Hormonen, Spurenelementen, Vitaminen, Mikronährstoffen etc. in seinen Kreislauf ab, wie es unbedingt erforderlich ist. Er verschwendet nicht und verwertet alles, was ihm wertvoll ist. Gleichzeitig erkennt er Veränderungen, analysiert diese und reagiert präzise. Er sendet Armeen von Killerzellen aus, um Schädliches zu eliminieren. Er bündelt seine Energien für diesen Kampf. Daher empfinden wir keinen Hunger, wenn wir erkranken. Deshalb haben wir ein erhöhtes Ruhebedürfnis. Aus diesem Grund werden Körperfunktionen reduziert bzw. eingestellt (Libidoverlust). Dieses bedarf teilweise Zeit und erfordert vom Menschen achtsames Verhalten und Geduld. Es sind die einzigen Dinge, die wir dem Organismus schenken sollten, damit er seiner Aufgabe, sich selbst zu heilen, nachkommen kann. Lerne die Sprache Deiner Organe und lerne, mit Deinem Körper zu kommunizieren! Nur so wirst Du zurückfinden in Harmonie und Wohlgefühl. Vertraue Deinem Organismus. Er ist nicht daran interessiert, so einfach aufzugeben. Dein Organismus will leben. Gesundheit ist sein Normalzustand; die Krankheit die Ausnahme. Es stirbt sich nicht so schnell. Gewähre Deinem Körper die Ruhe, die er braucht, um seine Kräfte zu sammeln. Er bündelt sie, um Dir wieder ein schönes Leben zu bereiten und weil er sich um die wirklich wichtigen Dinge kümmert. Er lässt Unwichtiges los und konzentriert sich auf das Wesentliche. Ohne Wenn und Aber und ohne Ausreden. Er will Dich in Dein altes Leben zurückführen. Durch Krankheit bettelt er um die Aufmerksamkeit, die Du ihm bisher versagt hast. Er wird krank, um wieder gesund zu werden. Vielleicht noch gesünder als zuvor. Die Harmonie zwischen Deinem Geist, Deinem Verständnis um die Vorgänge in Dir ist die Energie, die für Deine Ausstrahlung, Dein Charisma, Dein Handeln, Deine Lebensfreude verantwortlich zeichnet.

Krankheit zeigt Dir, welche Personen es wert sind, zukünftig mit ihnen mehr Zeit zu verbringen bzw. welchen Personen man vertrauen kann und wertschätzen sollte. Ich habe von sehr vielen Menschen Zuspruch, tatkräftige Unterstützung und Wertschätzung erfahren. Dazu gehören Menschen, von denen ich bis dahin dachte, dass wir uns nicht so nahe sind. Neben meiner Exfrau Kasia und meiner Mutter, sind es insbesondere auch meine Kollegen, die mich immer wieder durch ihre ehrlich empfundene Anteilnahme motivierten und mich durchhalten und Hoffnung schöpfen ließen. Diese Personen haben mir das Gefühl zurückgegeben, dass ich gerne mit Menschen zusammen bin, dass ich gerne kommuniziere und mich mit ihnen verbinden möchte. Sie haben durch ihr Verhalten dazu beigetragen, dass ich mich als integralen Bestandteil einer Sozialgemeinschaft verstehe, der nicht nur seinen Weg allein und isoliert gehen will.  Es tut gut, Wertschätzung und Unterstützung zu erfahren und diese annehmen zu können. Diese Menschen haben mir den Druck genommen, immer einem Einzelgängertum folgen zu wollen. Ein wesentlicher Bestandteil letzter destruktiver Gedankenmuster verflüchtigt sich nun. Durch sie wurde mir bewusst, wie sehr ich das Leben liebe und wie sehr ich wieder gesund werden möchte. Wie gerne ich meine Zeit mit ihnen verbringen möchte, ist ein schönes Gefühl. Ich bin froh, dass diese Menschen zu mir gehören und hoffe, auch ihnen, wenn es erforderlich ist, eine wertvolle Hilfe sein zu können. Meine Erfahrungen haben mich gelehrt, wie wertvoll Menschen sind, die es gut mit Dir meinen. Wie wertvoll Zeit ist und wie vergänglich alles ist. Meine eigene Vergänglichkeit ist mir nun noch bewusster geworden, doch habe ich auch die Angst vor dem Tod verloren. Sie lässt mich angstfreier und ruhiger in die Zukunft blicken. Ich mache keine großen Pläne mehr, sondern werde versuchen, mich im Jetzt zu fokussieren. Zur Zeit bastel ich aus den Scherben der zurückliegenden Monate meines Lebens eine Discokugel, um darunter wieder tanzen zu können. Ob mir dies gelingt, wird die Zukunft zeigen.

Allen Betroffenen, egal welche Erkrankung sie ereilt hat, rate ich, nicht die Hoffnung in die Fähigkeiten des Systems Natur zu verlieren. Es macht im Leben keinen Sinn, Raubbau zu betreiben und seine Empfindungen zu ignorieren. Es macht keinen Sinn, seine Energie in Sorgen, Zukunftsängste, Grübelei, Leistungsdenken, Ehrgeiz, Geltungsdrang, Konkurrenzdenken, Pessimismus, Eifersucht, Neid, Hass und Gier zu vergeuden. Krankheit lässt Dich authentisch werden, wenn Du es bis dahin noch nicht warst. Die einzige Anstrengung im Leben, die sich lohnt, ist seinen Körper verstehen lernen und Dein Ego zu verbannen. Loslassen, achtsames Verhalten mit sich und Entledigen des Ego ist die Anstrengung, in die es wert ist, zu investieren.  Und das ist keine Anstrengung, sondern eine Befreiung. Solltest Du erkrankt sein, glaube an schulmedizinische Methoden und Naturheilverfahren. Schenke Menschen aus medizinischen und Pflegeberufen Dein Vertrauen! Vertraue in das Gute! Lasse Dich von negativen Schlagzeilen, irregeleiteten Studien, die auf dubiosen Internetseiten veröffentlicht werden, nicht leiten. Vertraue Deinem Verstand und noch wichtiger Deinem Bauchgefühl! Du wirst merken und wissen, was gut für Dich ist. Nutze Deine emotionale Intelligenz, um Dich selbst zu erkennen und zu verstehen. Lerne, was Dir gut tut und was Du brauchst. Höre nicht auf Missionare und Klugscheißer! Buddha sagte einmal: „Glaubt mir kein Wort, sondern überprüft jede Belehrung von mir!“

Vertraue dem überwiegenden Teil der Menschen. Menschen sind grundsätzlich gut. Davon bin ich überzeugt. Wir sind von unserer Veranlagung nicht darauf ausgelegt, dem Anderen Schaden zuzufügen. Es sei denn, wir sind auf dem Gebiet erkrankt oder extrem negativ konditioniert. Schlechte Menschen bilden nicht die Mehrheit. Genauso wie schlechte Nachrichten in der Tagesschau auch nicht die Realität widerspiegeln. Glaube an die Qualitäten von Psychotherapien! Glaube an metaphysische Dinge, vielleicht an ein Leben nach dem Tod!  Integriere die Tatsache Deiner Endlichkeit in Dein Lebenskonzept! Akzeptiere Dich mit all Deinen Gebrechen, Missgeschicken und Schwächen! Dein Körper ist es wert, ihn zu pflegen. Tue es! Alles andere erledigt er für Dich. Dein Körper ist Dein Freund, und er möchte mit Dir befreundet sein. Wenn Du hinhörst, kann Krankheit oder ein anderer Schicksalsschlag Dich zu einem besseren und einfühlsameren Menschen machen. Es lohnt sich….nur diese Anstrengung!

Gute Besserung!

Röschi

Veröffentlicht von

Holger Röschmann

Geboren am 24.12.1965 in Eckernförde, Sternzeichen: Steinbock, Wohnhaft: Kiel, Zweijährige Ausbildung zum Psychologischen Berater Zweijährige Ausbildung zum Heilpraktiker, Ausbildung zum Psychologischen Berater (hier auch als Berater tätig gewesen), Keine Kinder, Hobbies: Sport, Yoga, Meditation, Lesen, viel Reisen, Blogger. Charakter: Querdenker, kommunikativ, vielseitig interessiert, offen.

2 thoughts on “Die 4. OP / was habe ich gelernt?”

  1. Hallo Holger. Auch diesen Bericht über die 4. OP habe ich interessiert verfolgt. Es ist deine spezielle Art, mit der Situation umzugehen. Finde ich toll.
    Deine Beschreibung des Körpers ist zutreffend: immer ein Ohr nach innen; auf den Körper hören.
    Ich wünsche dir, dass der von dir beschriebene Fortschritt anhält und sich noch verbessert.

    Gruß, Wolfgang

    1. Vielen Dank für dieses wertschätzende Feedback. Du hast recht, dass jeder seinen eigenen Weg finden muss. Das, was zehrt, sind die Rückschläge, die „Auf´s“ und „Ab´s“. Wenn man zunächst lernt, diese als Bestandteil des Prozesses zur Heilung zu akzeptieren, so ist schon viel gewonnen.
      Viele Grüße

      Holger

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