Die 3. OP

Ich war voller Vorfreude. Der Tag rückte immer näher, an dem ich endlich meinen ungeliebten künstlichen Darmausgang zurückverlegen lassen konnte. Die Probleme, die dadurch entstehen konnten, erschienen mir im Vergleich mit den erlebten Unannehmlichkeiten tragbar. Wie berichtet, war mein Stoma immer wieder undicht, so dass ich sogar fünfmal nachts die Notaufnahme des UKSH aufsuchen musste, um mich mit neuem Material einzudecken und die Versorgung neu anlegen zu lassen. Die Ärzte hatten mir mitgeteilt, dass ich nach der Rückverlegung sehr viele Durchfälle aushalten müsse. Dies werde sich jedoch „einspielen“, was Monate dauern könne. Der Dünndarm werde sich nerval und reflektorisch an seine neue Aufgabe gewöhnen. Er solle zukünftig einen Teil der Eindickfunktion des Stuhls übernehmen, die normalerweise dem Dickdarm obliegt. Die zweistündige OP verlief nicht ohne Komplikationen. So hatte sich der Dünndarm verklebt, so dass er wieder einmal von der Bauchwand/Bauchfell abgetrennt werden musste. Von den außen liegenden Enden des Dünndarms, trennte man nun jeweils fünf Zentimeter ab und flanschte die nun frischen Schnittstellen aneinander. Dann konnte vernäht werden. Als ich aufwachte, verspürte ich wieder einmal Schmerzen und musste mich übergeben. Aus den bisherigen Erfahrungen lernend, nahm ich diesmal jedoch Schmerzmittel (Novalgin) ein. Die Schmerzen gingen, die Übelkeit kam. Die Narbe machte, lt. Auskunft der Ärzte, einen sauberen Eindruck. Sie war nicht entzündet und nur leicht verhärtet. Allerdings hatte ich erhebliche Narbenschmerzen.

Bereits am zweiten Tag erhielt ich „Schonkost“. Man reichte mir zur Mittagszeit gefüllte Tortellini und Pilze. Nun muss man nicht Ökotrophologie studiert haben, um zu ahnen, dass sich dies nach einer knapp 24 Stunden zuvor durchgeführten Dünndarm-OP um ein sehr optimistisches Unterfangen handelte. Ich lehnte ab und aß lediglich Joghurt. Für die nächsten Tage bestellte ich Breie. Über die erschreckende Qualität der Mahlzeiten im Krankenhaus können sicherlich viele ein Lied singen. Meine Erfahrungen würden ein eigenes Kapital füllen. Ich möchte jedoch nicht langweilen.

In den folgenden Tagen kam ich nicht zur Ruhe. So hatte ich täglich bis zu 22 Durchfälle. Nur ein Beispiel: Mein Zimmer befand sich im 5. OG. Um etwas Luft zu schnappen, hatte ich die irregeleitete Vorstellung, mich ins Erdgeschoss zu begeben, um vor der Tür das Licht der Welt zu erblicken. Auf dem Weg dorthin musste ich dreimal die Toilette aufsuchen. Ich war verzweifelt und traute mich tatsächlich nicht, irgendetwas zu essen.

Nach vier Tagen wurde ich entlassen. Die Anzahl der Durchfälle verringerte sich nur marginal. Zudem hatte ich Probleme, aufrecht zu gehen. Dies gelang mir nur unter Einnahme von Schmerzmitteln. In den folgenden Tagen, verstärkten sich die Schmerzen im Bereich der Narbe. Zudem bekam ich, immer abends, gleichbleibend 38,4 Grad Fieber. Ein Druck auf die Narbe war nicht möglich, da es zu schmerzhaft war. Ich ahnte nichts Gutes und ging wieder in die Klinik. Eine dort durchgeführte Sonographie ergab, dass die Naht ein Leck hatte und Sekret aus dem Dünndarm in den Bauchraum austrat. Ich wurde punktiert, was wiederum mit nahezu unerträglichen Schmerzen verbunden war. Wieder einmal hatte sich mein Bauchfell entzündet. Um mich herum standen vier Ärzte und zwei Medizinstudenten. Als mir schließlich einer dieser Ärzte mitteilte, dass bereits ein Bett für mich reserviert worden war, wurde mir auch der Grund der deutlich wahrnehmbaren Aufregung unter den Anwesenden mitgeteilt. Man hatte die Befürchtung, dass auch Stuhl in den Bauchraum lief und ich nun eine Sepsis davongetragen hatte. In zwei Stunden sollte ich erneut notoperiert werden. Ich dachte zu diesem Zeitpunkt wohl an nichts. So unterhielt ich mich noch ein wenig mit dem südkoreanischen Studenten über die Lebensqualität in seinem Land, den Sinn des Lebens und ob dieser in seinem Land nur aus Arbeit und der Liebe zur Firma abgeleitet wird. Ich hatte es nicht anders erwartet, aber bei seinen Antworten grinste er mich permanent an und äußerte sich nicht konkret. Ich wurde nun auf die Station verlegt. Die OP-Bekleidung lag bereits auf meinem Bett. Elf Tage nach der dritten und eigentlich letzten OP, stand nun die 4. OP an. Mein Ruhepuls: 55 b/m. Ich war innerlich vollkommen leer.

Veröffentlicht von

Holger Röschmann

Geboren am 24.12.1965 in Eckernförde, Sternzeichen: Steinbock, Wohnhaft: Kiel, Zweijährige Ausbildung zum Psychologischen Berater Zweijährige Ausbildung zum Heilpraktiker, Ausbildung zum Psychologischen Berater (hier auch als Berater tätig gewesen), Keine Kinder, Hobbies: Sport, Yoga, Meditation, Lesen, viel Reisen, Blogger. Charakter: Querdenker, kommunikativ, vielseitig interessiert, offen.

One thought on “Die 3. OP”

  1. Holger, ich bin bei Dir, kann Deine Schmerzen nicht mit Dir teilen und auch das mitfühlen fällt mir aufgrund mangelnder Erfahrungen diesbezüglich schwer, aber ich liebe Dich und verstehe Deine Verzweifelung. Vielleicht hilft Dir die Kommunikation mit mir, Deinem alten Weggefährten von Altenhof nach Kielund manchmal auch zurück. Ich bin in meinem Ruhestand zwar sehr beschäftigt, würde mir für Gespräche oder Schreiben die Zeit nehmen. Melde Dich, wenn Du willst. Ich sende Dir das, was in meiner Macht steht, damit es Dir möglichst bald besser gehen mag.
    Es ist schön, dass es Dich gibt. Finde die Liebe, Freude und den Frieden im Leid. Von Herzen Jogie

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