Ein Zwischenergebnis

Es gab Momente, da betrachtete ich meine Situation und war nahe daran, an ihr zu verzweifeln. Das Erleben dieser sehr kritischen Lebensphase ließ mich in eine pessimistische Stimmung gleiten. Zukünftig kann ich dieses und jenes nicht mehr tun, so dachte ich. Mein altes Leben, aktiv sein, interessiert sein, gestalten und motivieren wollen, Genuss erleben, persönliche Kontakte haben, Dinge ausprobieren, neugierig auf die Welt sein. All dies sah ich in besonderem Maße bedroht. Nichts wird mir bleiben, so dachte ich und begann, mich vor Isolation zu fürchten.

Selbstbestimmtes Alleinsein ja; Isolation und Einsamkeit nein. Davor hatte ich eine verflixte Angst. Ich hatte Angst, zukünftig abgelehnt und als „Kranker“ abgestempelt zu werden. Ich konzentrierte mich ständig auf das, was mich an negativen Dingen wohl erwarten wird. Dabei übersah ich das, was mir die Kraft gab, weiterzumachen und durchzuhalten. Ich sah im Dickicht des Schreckens nicht die Dinge, die mich gerade in dieser Lebenssituation auszeichneten. Mein Organismus schien mit einem sehr guten Regenerationsmechanismus sowie sehr gut funktionierenden Selbstheilungskräften ausgestattet zu sein. Ich bin zäh und in der Lage, mich wieder sehr schnell zu motivieren, welches sich auf eine gewisse mentale Stärke zurückführen lässt.

Eine Charaktereigenschaft ist mein Grundoptimismus und das tief in mir wohnende Gefühl, dass ich noch einen weiten Weg in meinem Leben beschreiten soll. Dies mag arrogant und anmaßend klingen. Ich kann den Leser beruhigen, denn ich habe nicht die Absicht, die Geschichtsbücher zu füllen. Jedoch glaube ich, dass jeder von uns eine Mission in seinem Leben zu erfüllen hat. Es macht wenig Sinn, durch die Gegend zu laufen und jedem, der es hören will oder nicht, die Ohren voll zu jammern. „Ich hätte gerne einen gesunden Darm zurück! Ich will nicht gehandicapt sein! Ich will, dass dies alles nicht passiert wäre! Warum passiert es ausgerechnet mir? Gibt es keine Gerechtigkeit?“

Was ich aus meiner Situation für mich mitnehme, ist Dankbarkeit zu empfinden. Dankbar zu sein, dass ich Qualitäten besitze, die mir nun helfen, die schwere Last zu tragen. Diese Skills lassen mich durchhalten und an ein gutes Gelingen glauben. Es ist eine Lüge, zu glauben, dass du nicht gut genug bist, wenn es das Schicksal nicht gut mit dir meint. Es ist eine Lüge, zu glauben, dass du nichts wert bist, wenn ein Handicap dich ereilt.

Seit meiner Diagnose Colitis Ulcerosa habe ich mich mit der Frage beschäftigt, warum diese Erkrankung bei mir entstanden ist. Ich habe nach Antworten gesucht und aus diesem Grund eine Reihe interessanter und auch enttäuschender, total überzogener Literatur gelesen. Vor einem halben Jahr begann ich damit, das Werk von Immanuel Kant „Kritik der reinen Vernunft“ zu lesen und zu verstehen. Meiner Meinung nach, ist es sehr kompliziert geschrieben und mit veralteter Rechtschreibung versehen, was nicht zu einem besseren Verstehen beiträgt. Kant beschäftigte sich hier mit den Eigenschaften der Metaphysik. Sie fragt nach dem „Sein“, und zwar nach dem Grund des „Seins“ für das, was ist. Zu allem was ist, verhalten wir uns. Kant stellt fest, dass hinter den Vorgängen der Natur Gesetzmäßigkeiten stehen. Er stellt in Frage, dass die Sinneserfahrung keineswegs die Grundlage unserer Erkenntnis sein kann. Wahr ist nur, wie unsere Erfahrungen und Wahrnehmungen unsere eigene Realität definieren und darstellen. Ist es möglich, dass wir uns ein Urteil bilden, ohne unsere Erfahrungen und Wahrnehmungen mit einfließen zu lassen?

Setzen wir uns einem permanenten Druck aus, weil wir der Meinung sind, dass Menschen etwas von uns erwarten, dann kann uns diese Einstellung zu einem Verhalten veranlassen, welches körperlich krank macht. Bilden wir uns ein Urteil, das sich aus negativen Erfahrungen und Interpretationen generiert, so reden wir uns Krankheiten herbei. Mein Geist oder ,nennen wir es Verstand, sagt uns: „ Deine Erfahrungen und die daraus resultierende Interpretation deiner Umwelt, ist deine Realität.“ Die gleiche Realität empfindet und interpretiert dein Nachbar komplett anders. Der Unterschied zwischen euch beiden kann darin bestehen, dass dein Nachbar ein gesundes und erfülltes Leben führt, während bei dir das Gegenteil eintritt. Sind deine Erfahrungen negativ geprägt, so entsteht ein Druck, der in der Regel kompensiert wird. So erkrankt die Psyche und dann das Organ.

Ich stelle mir die Frage, ob wir uns nicht auch mit anderen Dingen, wie z. B. der Metaphysik beschäftigen sollten, um die Lösungen dafür zu finden, warum bei uns die Dinge nicht so laufen, wie wir sie uns vorstellen? Sollten wir uns nicht von unserer eigenen Erfahrung und Wahrnehmung ein Stück weit verabschieden und einsehen, dass unsere Realität nicht allgemeingültig sein kann? Können wir nicht auch ein Urteil bilden, ohne diese Erfahrungen mit einfließen zu lassen? Kant nannte dies „A priori“ = von der Erfahrung und der Wahrnehmung unabhängig.

Unsere Schulmedizin gründet ihre wissenschaftlichen Forschungen und die daraus resultierenden Behandlungsmethoden aus dem Empirismus. Ihr Begründer, der britische Arzt und Philosoph John Locke, war der Meinung, dass „nichts im Verstand ist, was nicht zuvor in den Sinnen gewesen wäre.“ Das Ergebnis seines Empirismus ist, dass bei bestimmten Symptomen und Verläufen mit einem bestimmten Resultat der Krankheit zu rechnen ist. Es werden Statistiken erhoben, die darauf hinweisen, dass etwas eintreten wird. Laut Empirie wirst du geheilt werden, gehandicapt sein oder sterben. Wir haben uns so von diesem Vorgehen abhängig gemacht, dass wir deren Wahrheitsgehalt und dessen Sinnhaftigkeit nicht mehr hinterfragen. Wir vergessen dabei, etwas einzusetzen, dass der Menschheit in der Geschichte immer weitergeholfen hat. Kant prägte hierzu den Satz: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“

Ich bin durch die Geschehnisse, der Beantwortung der Frage, welchen Sinn meine Existenz haben könnte, einen Schritt näher gerückt. Sinn macht es, deine Erfahrungen seriös und unverfälscht zu teilen. Versuche, andere an deinem Schicksal teilhaben zu lassen, um sie zu motivieren, damit sie ihr Leben und ihre Gesundheit wertschätzen. Missioniere dabei nicht, verliere dich nicht im Erhaschen von Mitleid, Lob und Anerkennung. Befreie dich von diesen Bedürfnissen. Sie können dich dazu verleiten, nicht mehr authentisch zu sein. Sei wahrhaftig und verlässlich in deinen Aussagen. Nehme dich selbst hierbei nicht so wichtig, akzeptiere deine Vergänglichkeit und die Tatsache, dass jeder hierzu andere Ansichten hat und zu anderen Urteilen kommt. Erkenne dich selbst und fange damit an, dich selbst zu lieben. Erst dann wirst du Liebe geben können, um deiner Mission zu entsprechen. Einer Mission, die Welt mit deiner Existenz ein Stück besser zu machen.

Sind es im Endeffekt nicht nur unsere Einstellungen, die daraus resultierenden Gedanken und Urteile, die uns krank machen? Ich frage mich, ob es so einfach sein könnte?

Das Leben ist schön!

Röschi

Veröffentlicht von

Holger Röschmann

Geboren am 24.12.1965 in Eckernförde, Sternzeichen: Steinbock, Wohnhaft: Kiel, Zweijährige Ausbildung zum Psychologischen Berater Zweijährige Ausbildung zum Heilpraktiker, Ausbildung zum Psychologischen Berater (hier auch als Berater tätig gewesen), Keine Kinder, Hobbies: Sport, Yoga, Meditation, Lesen, viel Reisen, Blogger. Charakter: Querdenker, kommunikativ, vielseitig interessiert, offen.

2 thoughts on “Ein Zwischenergebnis”

  1. Hallo Röschi,

    ich habe deine Berichte gelesen und konnte nicht mehr aufhören.. nur dann, wenn Tränen meinen Blick verschleierten.
    Ich wünsche dir von ganzem Herzen alles Gute und hoffe sehr für dich, dass du deine Reisepläne bald in die Tat umsetzen kannst.

    Alles Gute für dich.
    Gaby

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