Die 2. Operation

Heute ist der 12.09.2017, 05.44 Uhr. Ein Dienstag. Ich werde nunmehr das zweite Mal operiert. Mein Dünndarm wird an den Anus genäht. Das restliche Stück des Mastdarm, welches mir die Chirurgen beim letzten Mal noch gelassen haben, wird entfernt. Somit bin ich dann meinen alten Dickdarm endgültig los. Gestern erschien noch einmal der Chirurg, um mich über die Risiken aufzuklären. Unmittelbar hinter dem Mastdarm befinde sich das Nervensystem, welches für eine funktionierende Sexualfunktion verantwortlich ist. Nun waren wir also endlich beim Thema. „Es besteht die Möglichkeit, dass dieses System beschädigt wird und Ihnen Impotenz droht.“ Als ich das hörte, fühlte ich mich, als ob ich Watte im Kopf hätte. „Wissen Sie…..das schockiert mich gerade!“ „Soll ich einen Moment rausgehen?“ „Nein, nicht nötig. Ich stelle mir nur gerade ein Leben ohne Sex vor.“ Hierbei kamen mir spontan die Erinnerungen an ein Gespräch mit einer Klientin, die mir im Rahmen einer Beratung erzählte, dass ihr Partner eine Penispumpe benötige. Penispumpe, oh nein! Dann lieber Alternativen wie Weinproben, Pilze sammeln und Kreuzfahrten buchen. Vielleicht auch mit dem Zigarrerauchen beginnen?

Nach wenigen Minuten hatte ich mich gesammelt und der Professor fuhr mit seinem Medley des Schreckens fort. Die OP sollte von einem Roboter, namens „da Vinci“ durchgeführt werden. Da es sich um eine Weiterentwicklung des bisherigen Modells handele, bat er mich, eine Einwilligung zu unterschreiben, da dieses Gerät gerade getestet werde. Alle seien bisher von den Fähigkeiten des Herrn da Vinci begeistert. Dieses Gerät ist überdimensional groß, verfügt über mehrere Arme und Monitore sowie Kameras, die den operierten Bereich dreidimensional darstellen. Er selbst werde das Ungetüm dirigieren. Da ich von den kreativen Fähigkeiten des Namengebers gelesen hatte, vertraute ich auch dem Blechkasten und unterschrieb, ohne weitere Fragen zu stellen. Ich wollte eigentlich nur noch durch den Tunnel.

Die Ärzte beabsichtigen, mir einen sogenannten „Pouch“(engl. Beutel) zu legen, der aus dem Dünndarm geformt wird. Er dient dazu, den Stuhl zu halten, ohne dass dieser gleich direkt durchrutscht. Dann werde der Dünndarm angenäht. Hier bleibe es anschließend abzuwarten, wie die Naht verheilt. Ich hoffe nicht, dass es zu Komplikationen kommt. Hierbei könnte Kot durch die undichten Nähte treten und in den Bauchraum fließen. Sollte dies der Fall sein, so erkennen die Ärzte es an den Entzündungswerten. Ich selbst soll davon angeblich nicht viel spüren. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie es sein könnte, stuhlinkontinent zu sein, immer wieder einen entzündeten Pouch zu haben und sein Dasein damit zu fristen, dass einem ständig diese Dinge im Nacken sitzen. Ich habe Angst davor, dass mir ein unbeschwertes Leben zu führen, zukünftig verwehrt bleibt. Positiv ist, dass es vermutlich nur vier bis sechs Wochen dauern wird, um dann, in einer hoffentlich letzten OP, das Stoma zurückzuverlegen. Dann wird sich hoffentlich auszahlen, dass ich regelmäßig meine Beckenbodengymnastik durchgeführt habe. Wäre schön, wenn sich in dem Fall meine Disziplin auszahlen würde.

Ich habe nur wenige Stunden geschlafen, dafür aber ziemlich gut. Dass ich bereits um 04.00 Uhr aufgewacht bin, hängt nicht mit einer etwaigen Nervosität zusammen. Ich schreibe und therapiere damit gleichzeitig meine Sorgen und Ängste. Schön ist, dass mir dies noch möglich ist. Der Chirurg hat mir zwar den Darm entfernt, jedoch mein Bauchgefühl und die Seele belassen. Für diesen rücksichtsvollen Umgang mit meinen inneren Werten bin ich ihm dankbar.

Ich genieße den Tunnelblick, der mich nur auf das Erreichen meines nächsten Zieles fokussiert. Gesund und ohne Einschränkungen aus diesen Operationen heraus zu kommen. Ich möchte unbedingt meine Reise- und sonstigen Pläne umsetzen. Hierzu gehört auch das Schreiben. Je öfter ich dies tue, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass ich dies will. Schön, wenn man weiß, wo seine Leidenschaften stecken. Habe ich Angst vor der mir bevorstehenden OP? Im Moment nicht. Im Gegenteil. Ich sehe dem sehr gelassen entgegen. Ist das nun Fatalismus? Erklären kann ich es nicht. Vermutlich wird es so sein. Gepaart mit einer inneren Ruhe, die mir die regelmäßigen Meditationen schenken, die ich täglich ausübe. Mein Geist ist ruhig, und allein das beruhigt. Das ist auch der Grund, warum ich die Beruhigungspille nicht einnehmen werde. Sie steht auf meinem Tisch. Aber noch immer fühle ich diese tiefe Ablehnung, Medikamente einzunehmen. Wobei ich in dieser Zeit auch die Erfahrung mache, dass ich froh bin, dass es z. B. Schmerzmedikamente gibt.

Es klopft an der Zimmertür. Ein Pfleger erscheint. Ich schaue auf mein Handy. Es ist 10.10 Uhr. Drei Stunden soll es dauern, so der Plan.

Veröffentlicht von

Holger Röschmann

Geboren am 24.12.1965 in Eckernförde, Sternzeichen: Steinbock, Wohnhaft: Kiel, Zweijährige Ausbildung zum Psychologischen Berater Zweijährige Ausbildung zum Heilpraktiker, Ausbildung zum Psychologischen Berater (hier auch als Berater tätig gewesen), Keine Kinder, Hobbies: Sport, Yoga, Meditation, Lesen, viel Reisen, Blogger. Charakter: Querdenker, kommunikativ, vielseitig interessiert, offen.

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