1. Operation -Fortsetzung-

„Herr Röschmann! Mein Name ist Sandro (Name geändert). Ich kümmere mich jetzt um Sie! Sie sind hier im Aufwachraum. Wie geht es Ihnen? Es ist alles gut!“ Die Sätze nahm ich wie ein Schreien wahr. Vermutlich lag dies an den Nachwirkungen der Narkose. Ich konnte meine Augen nicht öffnen. Obwohl ich mich anstrengte, gelang es mir nicht. Hinter mir hörte ich die ebenfalls lauten Stimmen meiner Ex-frau Kasia und die meiner Mutter. Ohne die Frage des Pflegers beantworten zu können, verfiel ich sogleich in ein Stöhnen und Gewimmer. Ich bat Kasia, mir die Augen zu öffnen. Sie waren offensichtlich verklebt. Schnell wurde mir bewusst, in welcher Situation ich mich befand. Die Schmerzen in meinem ganzen Körper waren unerträglich. Ich erinnere mich, dass ich laut jammerte und immer wieder die Worte: „Scheiße! Ich bin ganz unten angekommen….bin ganz unten“ stammelte.

Jede Bewegung schmerzte. Es brannte und riss in meinem ganzen Körper. Gleichzeitig spürte ich meine Beine nicht, so dass ich in Panik geriet, da ich eine Lähmung befürchtete. Sofort griff ich unter die Bettdecke und fasste an meine rechte Taille. Dort hatte einen Tag zuvor der Chirurg die Zeichen für den geplanten künstlichen Ausgang aufgemalt. Und da spürte ich es. Einen Plastikbeutel. Es war also nun die unumkehrbare Wahrheit eingetreten. Ich hatte keinen Dickdarm mehr und war um einen künstlichen Ausgang reicher. Wieder machte sich Panik bei mir breit. Ich verfiel in einen Weinkrampf, da mich die Gesamtsituation überforderte und mir unerträglich erschien. Während mir der sehr einfühlsam agierende Pfleger einen Katheder verpasste, fragte er mich, wie hoch in der Skala von 1 – 10 mein Schmerzempfinden sei. Ich entgegnete: „Zwischen 9,75 und 15!“ Ein wenig Humor musste schließlich sein. Als der Mann ankündigte, die Schmerzmitteldosis zu erhöhen, lehnte ich dies vehement ab. Ich gab leichtsinnigerweise zu verstehen, dass er mir mit den Drogen nicht auch noch meine Leber und meine Nieren vernichten solle. „Das geht so nicht! Sie müssen Schmerzmittel nehmen! Sie ruinieren sich, sie werden kollabieren!“ Da ich nicht reagierte, gab Kasia ihm die Order, mir „die volle Dröhnung“ zu geben. „Der nimmt nie etwas“, ergänzte sie noch in unmissverständlichem Ton. Ich bewunderte schon immer die argumentative Durchschlagskraft dieser kleinen, quirligen und sehr besonderen Frau. In diesem Moment war ich auch irgendwie froh, dass mir die Entscheidung abgenommen wurde. Der Pfleger folgte dieser „Anordnung“ widerspruchslos.

Die nächsten Tage und Nächte waren fürchterlich. Trotz Schmerzmittel hielt ich es teilweise vor Schmerzen nicht aus. Der Grund hierfür wurde mir anlässlich einer ärztlichen Visite mitgeteilt. Während der OP war mein Darm zerbröselt, so dass sich der Inhalt in Zwerchfell- und Bauchraum ergoss. Der gesamte Bereich war entzündet. Ich konnte mich kaum bewegen, geschweige denn aufstehen. Mein Körper sammelte zudem immer mehr Wasser an. Ich sah aus, wie ein Michelin-Männchen. Tatsächlich hatte ich es wohl meiner Willenskraft zu verdanken, dass ich unter erheblichen Schmerzen und mit Hilfe einer Physiotherapeutin, aufrecht auf der Bettkante saß. Ich wollte unbedingt noch in meinem Leben Länder bereisen, Bücher schreiben, dummes Zeug reden, klugscheißen und Sauerstoff auf dieser Welt wegatmen. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass mein bisheriges Leben noch nicht alles gewesen sein konnte. So setzte ich mich also auf. Im OP-Kleid, einer Drainage, einem Katheder, künstlicher Ernährung, zwei Antibiosen und einer Ringerlösung, die mir half, nicht zu vertrocknen. Gefesselt an den Schläuchen der Schulmedizin.

Die Physiotherapeutin ging mit mir die ersten Schritte im Zimmer auf und ab. Das heißt, nach drei Schritten musste ich mich setzen. Der aufrechte Gang erforderte schon all meine Energie, die ich nicht besaß. Es wurde jedoch täglich besser. Ich machte Fortschritte. Am dritten Tag vollzog ich an der Bettkante vier Kniebeugen. Der Gesunde kann sich nicht vorstellen, welche Freude Kniebeugen in einem Menschen auslösen können. Eines Tages erkundete ich mit meiner Therapeutin die Krankenstation außerhalb meines Zimmers. Mit einer Hand am Handlauf, die rechte Körperseite von der Therapeutin gestützt, schleppte ich mich den Gang entlang. Es kamen uns Personen entgegen, bei denen es sich offensichtlich um Besucher handelte. Das kleine Mädchen schaute mich verängstigt an und fragte deren Mutter: „Mama, muss der Mann da sterben?“ Na ja! Irgendwie wusste ich nicht, ob ich diese Äußerung niedlich finden sollte. Ich entschied mich dafür, der Aussage nicht soviel Bedeutung beizumessen. Wir befanden uns nun im Treppenhaus. Auf der zweiten Stufe angekommen, zog ich mir eine Wadenzerrung zu. Ja, ich ließ wirklich nichts aus. Nach zehn Tagen konnte ich das Krankenhaus verlassen. Ich hatte mich körperlich etwas erholt und konnte alleine gehen, benötigte jedoch noch diverse Pausen. In dieser Zeit unterstützten mich Kasia, meine Kollegen und Freunde, sowie meine Mutter tatkräftig. Insbesondere Kasia und meiner Mutter bin ich unendlich für deren Hilfe dankbar. Ohne sie hätte ich mich nicht so schnell erholt, da sie mich mental sehr stark unterstützten und mir immer wieder Zuversicht vermittelten. Dabei verkenne ich nicht, wie sehr beide selbst litten. Umso mehr ist deren Leistung zu würdigen.

Es folgte nun der nächste Schritt. Ich trat eine Reha an.

Veröffentlicht von

Holger Röschmann

Geboren am 24.12.1965 in Eckernförde, Sternzeichen: Steinbock, Wohnhaft: Kiel, Zweijährige Ausbildung zum Psychologischen Berater Zweijährige Ausbildung zum Heilpraktiker, Ausbildung zum Psychologischen Berater (hier auch als Berater tätig gewesen), Keine Kinder, Hobbies: Sport, Yoga, Meditation, Lesen, viel Reisen, Blogger. Charakter: Querdenker, kommunikativ, vielseitig interessiert, offen.

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