Die 1. Operation

Ich wurde in der Nacht wach, weil mich wieder einmal ein spontaner Bauchschmerz plagte. Ein heftiger Durchfall kündigte sich an, von dem ich natürlich wusste, dass auch dieser wieder von minutenlangen heftigen Krämpfen begleitet sein wird. So schnell es ging, begab ich mich in das WC, welches sich auf der gegenüberliegenden Seite des Flures befand. Schon unter heftigen Schmerzen quälte ich mich aus dem Bett. Dann ergriff ich den Infusionsständer, an den mich die künstliche Ernährung, eine Trinklösung sowie zwei Antibiosen per Braunülen fesselten. So schaffte ich es gerade noch auf den WC-Sitz und ergoss mich wieder einmal minutenlang in schmerzhaften blutigen Durchfällen. In dieser Nacht waren die Schmerzen so heftig, dass ich vom WC-Sitz rutschte und mir hierbei noch die Braunüle herausriss. Am Boden liegend, kotete ich mich weiterhin ein. Es gelang mir, den Notrufknopf für die Krankenschwester zu betätigen, die in dieser Nacht alleine auf der vollbelegten Station ihren Nachtdienst versah. In diesem Moment hatte ich nur noch einen Plan: Sobald ich versorgt war, beabsichtigte ich, irgendwie auf die Dienststelle zu fahren, um mir dort mit meiner Dienstwaffe in den Kopf zu schießen. Alles nur, um nicht mehr diese Schmerzen ertragen zu müssen.

Immer wieder teilte ich der Schwester mit, dass ich endlich operiert werden will. Endlich den Dickdarm, den Störenfried, entfernt haben will. Ich spürte, dass es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis mein Darm das Ergebnis selbst lieferte. So hatte ich das Gefühl, dass nur noch totes, gammeliges Fleisch in meinem Organismus verwest. Die letzte Koloskopie hatte bestätigt, dass mein Darm durch die jahrzehntelangen Entzündungen nicht mehr zu retten war. Perforationen waren vorhanden, die Peristaltik nahezu nicht mehr. Mein Darm – ein alter Mann, dessen Ende gekommen war. Am darauffolgenden Tag entschieden die Ärzte, meinen Darm noch einmal mittels Sonografie zu untersuchen. Der untersuchende Arzt erkannte, dass nun keine Zeit mehr zu verlieren sei, und erkannte ebenfalls die Notwendigkeit einer Ektomie. Als ich dies von ihm hörte, war ich nahezu erleichtert. Nichts wünschte ich mir zu diesem Zeitpunkt sehnlicher, als diesen Unruheherd loszulassen. Wir gehörten nicht mehr zusammen. Unsere Gemeinsamkeit hatte sich erledigt. Es war an der Zeit, dem Darm Adieu zu sagen. Zu lange hatten wir uns beide gequält.

Eine halbe Stunde nach der entscheidenden Untersuchung standen auch schon der Chirurg und mein mich bis dahin behandelnder Arzt in meinem Krankenzimmer. Sie entschieden sich für eine Not-OP, die bereits am darauffolgenden Tag durchgeführt werden sollte. Demnach sollte eine sogenannte dreizeitige Operation stattfinden. Dies hieß, dass ich dreimal operiert werden sollte. Im ersten Eingriff ging es lediglich um die Entfernung meines Dickdarms. Noch am gleichen Tag wurde ich in die Chirurgie verlegt. Dort traf ich auf eine Schwester, die sich mir als meine persönliche Betreuung vorstellte. Angeblich sei dies ein neues Konzept, welches als Ausfluss des Qualitätsmanagements durchgeführt wurde. Ich fühlte mich gut, war nicht nervös. Ganz im Gegenteil. Ich sehnte mich nahezu nach dieser Operation. Im Nachhinein muss ich sagen, dass es zu diesem Zeitpunkt gut war, nicht zu wissen, was auf mich zukommen würde. Aber so ist es ja bei den meisten Dingen, die einem im Leben passieren. Das ganze Ambiente war sehr ansprechend. Ich hatte zudem Glück, dass ich ein Einzelzimmer bekam. Wie ich hörte, war die Station wieder im Aufbau begriffen. Nach Schwierigkeiten kam es zu einer einjährigen Schließung der kompletten Station. Schwestern kündigten aufgrund von Arbeitsüberlastung und den damit verbundenen Erkrankungen. Personalmangel war die Ursache für die Missstände. Ein gutes Beispiel für eine Situation, bei der Menschen lediglich als Humankapital und so Opfer der Sparpolitik werden.

Schwester Daniela (*Name geändert) machte zunächst einen selbstbewussten Eindruck auf mich. Schnell waren wir beim „DU“. Sie machte mir hinsichtlich der bevorstehenden Operation Mut und schwärmte vom Chirurgen. Zu diesem würden aus aller Welt die Menschen kommen, um sich nur von ihm operieren zu lassen. Soweit ich mich erinnere, konnte ich in dieser Nacht einigermaßen durchschlafen. Das lag wohl daran, dass die Ärzte endlich eine Entscheidung fällten, die ich schon lange für mich selbst getroffen hatte. Für die Operation war ein Zeitraum von ca. drei Stunden angesetzt. Es sollte gegen Mittag losgehen. Ich zog mir also mein OP-Kleid, eine Netzhaube und eine Netzunterhose an. Aus gegebenem Anlass, verzichtete ich darauf, diesen Anblick in den sozialen Netzwerken zu posten :-). Manchmal holen einen die Eitelkeiten ein…..

Ein Pfleger holte mich ab. Er sollte mich in den OP-Bereich schieben. An allen sichtbaren Körperstellen tätowiert und permanent auf sein Mobiltelefon blickend, begrüßte er mich, ohne einmal den Blick von seinem Telefon abzuwenden. „Dann kann auch die OP nicht so schlimm werden“, dachte ich. Das Angebot, eine „Leck-mich-am-Arsch-Tablette“ einzunehmen, lehnte ich ab. Ich fühlte mich ausgesprochen positiv gestimmt und brannte regelrecht darauf, mich von diesem Organ zu trennen. Der junge Mann schob mich in einen Vorbereitungsraum des OP-Bereiches. Er reichte mir eine zusätzliche Decke und führte hierunter einen Schlauch, der warme Luft ins Bett blies. Dies sei eine Maßnahme, um Unterkühlungen vorzubeugen. Schließlich werde meine Körpertemperatur während der OP abfallen. Ich nahm dies alles beiläufig zu Kenntnis, da sich meine Aufmerksamkeit auf ein kleines Kind richtete, welches in unmittelbarer Nähe zu mir in einem Gang lag. Ich schätzte das Alter auf sechs bis acht Jahre. Das blonde Mädchen weinte und fragte, ob es denn „jetzt sterben“ müsse. Neben dem Bett standen zwei Rettungssanitäter sowie offensichtlich der Vater des Kindes. Er hielt einen Stoffbären in der Hand und weinte ebenfalls. In diesem Moment erfasste mich eine tiefe Traurigkeit, und auch mir liefen die Tränen. Wenn es schon für Erwachsene nicht leicht ist, sich mit einer bevorstehenden Operation oder einem Schicksal auseinanderzusetzen, was muss erst ein Kind fühlen, welches sich in vergleichbarer Situation befindet. Irgendwie spürte ich, dass sich die Verzweiflung und Hilflosigkeit des Mädchens für einen kurzen Moment auch auf mich übertrug.

Nun war es soweit, und ich machte Bekanntschaft mit der Anästhesie. Auch hier fiel mir auf, wie ausgesprochen gut gelaunt und motivierend die Mitarbeiter auf mich einwirkten. Diese Erfahrung hatte ich während der ganzen Zeit mit all den Ärzten und Krankenschwestern gemacht, die mir auch in schwersten Momenten immer durch empathischen Zuspruch und ehrlich rübergebrachter Anteilnahme aus dem Tal der Tränen halfen. Ich bin diesen Menschen bis heute unendlich dankbar. Der Anästhesist verwickelte mich in ein Gespräch. Mir war klar, dass er nicht daran interessiert war, Einzelheiten meiner bisherigen Biographie mit Aufmerksamkeit zu verfolgen. Kurz bevor ich in das komatöse Nirwana entglitt, fragte ich noch kurz, was denn während der Ohnmacht mit meinem Gehirn passieren würde. Meine Sorge war, dass ich nach dem Aufwachen amnesiebedingte Ausfallerscheinungen haben würde und auf diesem Wege meine erlernten spanischen Vokabeln entsorgt werden. Der Schwachsinn meiner Frage, wurde mit einem Gelächter beantwortet. Ab diesem Zeitpunkt verstärkte sich das wunderbare Gefühl, welches Drogenabhängige erleben dürften, die sich gerade Heroin gespritzt haben. Unter diesem Eindruck schlief ich ein.

Veröffentlicht von

Holger Röschmann

Geboren am 24.12.1965 in Eckernförde, Sternzeichen: Steinbock, Wohnhaft: Kiel, Zweijährige Ausbildung zum Psychologischen Berater Zweijährige Ausbildung zum Heilpraktiker, Ausbildung zum Psychologischen Berater (hier auch als Berater tätig gewesen), Keine Kinder, Hobbies: Sport, Yoga, Meditation, Lesen, viel Reisen, Blogger. Charakter: Querdenker, kommunikativ, vielseitig interessiert, offen.

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