Der Schock

Im März 2017 vereinbarte ich noch einmal eine Darmspiegelung in der Klinik, da ich sichergehen wollte, dass mein Darm in Ordnung war. Zudem war ich turnusmäßig wieder dran. Bis dahin hatte ich 10 Jahre mit meiner Colitis Ulcerosa in Remission gelebt und nahm keinerlei Medikation. Das Ergebnis war gut. Diese Koloskopie wurde, mit meinem Einverständnis, zu Studienzwecken verwendet. Ich hatte zu diesem Zweck, sog. „Indigo-Kapseln“ eingenommen, die mithilfe ihrer Blaufärbung die Schleimhaut übersichtlicher gestalten sollten. Es sollte dem Arzt, der die Koloskopie durchführte, leichter ermöglichen, Läsionen und Dysplasien innerhalb der zerklüfteten und von Pseudopolypen übersäten Schleimhaut zu erkennen. Nach der Untersuchung war der Arzt zufrieden; auch waren die Blutwerte sehr gut. Es deutete nichts auf ein Entzündungsgeschehen hin, so dass meine Erleichterung, nun der Vorfreude auf den Beginn der Reise wich. Warum schreibe ich das? Eine Woche nach der Koloskopie erfolgte die Choleraimpfung. Es handelt sich hierbei um einen Impfstoff, der tote Erreger enthält. Er wird oral eingenommen, d. h. der Wirkstoff geht über den Darm. Ein paar Tage danach, bemerkte ich ein „Grummeln und Kneifen“ im Darm. Es kamen ungute Gefühle hoch, die ich jedoch zunächst verdrängte. Nach einer Weile gingen die Symptome zurück. Doch auch dies, sollte sich sehr bald ändern. Im Laufe der Wochen verschlechterte sich mein Zustand. Es fing damit an, dass ich zusehends müder wurde. So sagte ich immer häufiger Trainingseinheiten ab und verspürte ein höheres Schlafbedürfnis. Der Appetit ließ nicht nach. Schließlich veränderte sich meine Stuhlkonsistenz und dessen Frequenz. Es folgten Durchfälle, die mit Blutbeimengungen versehen waren. Diesen, schon sehr unangenehmen Bedingungen, gesellten sich dann noch lang anhaltende, sich bis zu 20 Minuten hinziehende Bauch- und Darmkrämpfe. Diese verstärkten sich zumeist nach dem Gang zur Toilette. Zwar war ich in der Lage, regelmäßig zu essen, jedoch schied ich dies sehr bald wieder aus. Irgendwann zählte ich bis zu 15 blutige, mit heftigen Schmerzen einhergehende, Durchfälle. Natürlich verlor ich sehr schnell an Gewicht und verbrachte fast den ganzen Tag nur noch im Bett. Ich fühlte mich körperlich immer schwächer. Die Schmerzen waren unterträglich. Jede Peristaltik des Darmes, jede Veränderung meiner Liegeposition verursachte diese Schmerzen. Die Schmerzerfahrungen, die ich 1994 mit dem Ausbruch der Erkrankung erlebte, ließen mich nicht glauben, dass sich diese Schmerzen noch stärker ausprägen könnten. Bis dahin suchte ich nahezu täglich die Klinik auf. Ich wies mehrfach daraufhin, dass ich eine Kortisonresistenz habe. Dennoch versuchten die Ärzte, mit hohen Kortisongaben, die Entzündung einzudämmen. Aus Verzweiflung nahm ich das Zeug ein, um schon kurze Zeit später festzustellen, dass sich mein Allgemeinzustand überhaupt nicht verbesserte. Das Gegenteil war der Fall. Mittlerweile war mein Gewicht von einst 92 kg auf 83 kg gesunken. Dies bei einer Größe von 193 cm. Meine Blutergebnisse waren eine Katastrophe. Der Eiweißwert sank ins Bodenlose, die Entzündungswerte stiegen in ungeahnte Höhen. In meinem Urin wurden sog. „Ketonkörper“ festgestellt. Der Körper war in den Katabolismus gewechselt. *Ketonkörper entstehen bei Kohlenhydratmangel als Nebenprodukt der Fettverbrennung in den Mitochondrien der Leberzellen (Hepatozyten) – zum Beispiel bei Hungerzuständen oder bei einer verminderten Aufnahme von Glucose im Rahmen eines Diabetes mellitus. Der Glukosespiegel im Blut ist dabei nicht unbedingt vermindert. Bei Insulinmangel ist die Glucosekonzentration hoch, das Kohlendydrat kann aber nicht in die Zellen aufgenommen und verwertet werden. Man kann bei Menschen, die im Blut oder im Urin einen zu hohen Ketonspiegel nachweisen einen Acetongeruch in der Ausatmungsluft feststellen. Die Leber gibt die Ketonkörper ab, da sie diese nicht metabolisieren (verstoffwechseln) kann.* (Quelle: DocCheck). Wen es interessiert, der kann beim nächsten Check-up diesen Wert bestimmen lassen. Ein Wert, der die Lebersynthese widerspiegelt. Er soll bei ca. 4000 liegen; meiner lag bei 1500. Ich war also unterernährt. Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und das Gefühl, in einem Dilemma zu sitzen, übermannten mich. Alle medizinischen Maßnahmen, die seit 1994 bei mir durchgeführt worden waren, halfen nun nichts mehr. Neben einer Cortisonresistenz, die ich entwickelt hatte, halfen auch alle zur Verfügung stehenden TNF-@-Hemmer nichts mehr. TNF steht für Tumornekrosefaktor. Dieser ist an Entzündungsprozessen beteiligt. Die entsprechenden Entzündungshemmer wie Remecade, Humira, Infliximab, Azathioprin etc. hatte ich im Laufe der Jahre eingenommen. Bei der damaligen Infusion von Remecade bekam ich nach wenigen Minuten einen anaphylaktischen Schock. Es handelt sich hierbei um eine Maximalreaktion des Immunsystems auf eine bestimmte Substanz und ist akut lebensbedrohend. Mein Allgemeinzustand verschlechterte sich zusehends. Eines Morgens schaffte ich es vor Schmerzen nur noch vor mein Bett und nicht mehr zum WC. Ich kotete mich blutend ein, hatte immense brennende Entzündungsschmerzen. Ein brennendes, reißendes Gefühl, als ob einem alle Organe aus dem Bauch gerissen werden. Das Extreme an diesen Schmerzen war immer, dass sie kontinuierlich in ihrer Intensität anhielten und sich nicht einen Augenblick reduzierten. Als sich nach ca. 20 Minuten der Schmerz auf ein erträgliches Maß verringerte, säuberte ich mich und den Boden des Schlafzimmers. Ich rief in der Klinik an, um mich stationär aufnehmen zu lassen. Mein behandelnder Arzt erklärte mir, dass aufgrund des Ergebnisses einer Sonografie meines Thoraxes das Herzecho schlecht ausgefallen sei. Es bestehe der Verdacht auf einen Herzinfarkt. Welch ein weiterer Schock. Ich begann, mit meinem Schicksal zu hadern und stellte all meine Konzepte in Frage. Ich zweifelte an der Existenz von Gerechtigkeit, erspürte Neidgefühle gegenüber denjenigen, die gesund waren. Ich hasste diejenigen, die Raubbau an ihrer Gesundheit betrieben und denen es offensichtlich trotzdem so gut ging. Vor dieser Nachricht hatte ich meine Mutter gebeten, mich zu besuchen, da ich Hilfe brauchte. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits so erschöpft, dass es mir schwerfiel, mich mehrere Minuten auf den Beinen zu halten. Ich spürte, dass ich in einer schweren Lebenskrise steckte und sah mich „ganz unten“. Meine Mutter fuhr mich in die Klinik. Sie fasste die Nachrichten sehr kontrolliert auf; dennoch wusste ich, dass sie ungeheuer litt. Ihr System, Dinge zu kompensieren, hatte sich über Jahre entwickelt und bei ihr bewährt. Meine Mutter ist eine Person, bei der ich den Sinn von Teilen der psychologischen Therapieformen kritisch hinterfragte. Mittlerweile glaube ich, dass es nicht für jeden Menschen sinnvoll ist, dass er kompensierte Dinge präsent macht, um sie bearbeiten zu können. Ich denke, dass es Menschen gibt, bei denen es sinnvoller ist, sie in ihren Verarbeitungsmustern zu belassen. Auch hier gilt manchmal: Weniger über sich zu wissen, kann ein Segen sein. Sie hatte vor vielen Jahren bereits meinen Bruder verloren und so waren mir ihre Gedanken präsent. Ich hingegen war zu diesem Zeitpunkt erleichtert, dass ich „meine Sachen“ geregelt hatte. Vor ca. einem Jahr definierten wir beide noch eine gegenseitige Patientenverfügung. Auch intensivierte sich das Gefühl, dass die Zeit gekommen war, mein Leben nun „abzuwickeln“. In diesem Moment war bei mir keinerlei Optimismus mehr vorhanden. Die Schmerzen und die ausgeprägte körperliche Schwäche hatten meinen Durchhaltewillen zermürbt. Ich hatte Suizidgedanken, wollte nur noch, dass all die Schmerzen endlich ein Ende haben. Nahm ich Schmerzmittel ein, wurde mir unendlich übel, und ich musste mich zeitweise erbrechen. Ein elender Kreislauf, aus dem es für mich kein Entrinnen mehr gab – so dachte ich zumindest. Im Krankenhaus kam ich sofort in die Notaufnahme. In diesem Moment, als ich all die schwerkranken Menschen liegen sah, wurde ich immer ruhiger. Ein Fatalismus zog in mein Gemüt. Ein Gefühl, wie benebelt zu sein ergriff Besitz über meine Sinne. Und tatsächlich hatte ich einen Ruhepuls von 61b/m. Man führte Anamnesen und diverse Untersuchungen durch. Schließlich verlegte man mich auf die Station, um am nächsten Tag eine Herzkathederuntersuchung durchzuführen. In dieser Nacht schlief ich tief und fest. Zuvor fragte ich mich, ob ich wohl eine Nahtoderfahrung machen würde. Ich hatte hierüber sehr viel gelesen. Die Literatur von Elisabeth Kübler-Ross und Raymond Moody hatten meine Einstellung im Umgang mit dem Tod entscheidend geprägt und verändert. Außerdem fragte ich mich, ob ich überhaupt einen meiner bereits verstorbenen Verwandten wiedersehen wollte. Mir fielen da spontan mein Bruder und mein Großvater ein. Bei den restlichen Mitgliedern der Familie handelte es sich größtenteils um die Acht von neun Brüdern meiner Großmutter. Sie waren mir bereits als Junge zu ihren Lebzeiten suspekt. Sture, verbohrte, unflexible SS-Cowboys, die immer noch ihre versteckt sadistischen Charaktereigenschaften in sich trugen. Sie dienten in der deutschen Wehrmacht bei der Waffen-SS. Ihr allgegenwärtiges Denken dieser Zeit, welches vom Glauben, dass man zur Herrenrasse gehöre, geprägt war, spürte man auch Jahrzehnte danach. Als Junge mochte ich tatsächlich keinen von ihnen. Als ich in den OP gebracht wurde, überkam mich plötzlich ein unendliches Gefühl der Ruhe und Ausgeglichenheit. Zudem war ich vollständig schmerzfrei. Ein Zustand, den ich wirklich auskostete. Der Kardiologe fragte mich, wie es sein könne, dass er einen Patienten auf Herzinfarkt untersuchen solle, der unter diesen Umständen einen Ruhepuls von 61 b/m habe. „Also einen Herzinfarkt haben Sie damit schon mal nicht“, entgegnete er mir. „Das kann an meiner täglichen Meditation liegen oder der Tatsache, dass ich mich mit dem Tod auseinandergesetzt habe und an die Wiedergeburt glaube“, versuchte ich, diesen Umstand zu erklären. „Darüber werde ich mal nachdenken“, erwiderte der Arzt. Die Untersuchung selbst wurde mit dem Ergebnis beendet, dass ich ein „Sportlerherz“ hätte und die Symptome daher dafür typisch seien. Perikardergüsse würden bei einem solchen Herzen leichter entstehen, da es durch Entzündungsprozesse und den abrupten Stop körperlicher Betätigung sensibel reagiere. Ich war sehr erleichtert und nun auch froh, dass mir eine Nahtoderfahrung erspart geblieben war. Das Grundproblem war damit natürlich noch nicht gelöst. Ich kam wieder auf die Station, wo ich, nachdem ich das Abendessen eingenommen hatte, wieder von heftigen Darmkrämpfen mit blutigen, lang anhaltenden Durchfällen zu kämpfen hatte. Da mein Sturschädel zu diesem Zeitpunkt die Einnahme von Schmerzmitteln verweigerte, litt ich (selbstverschuldet) umso mehr. Ich kann nur jedem raten, in solchen extremen Situationen nicht auf Schmerzmittel zu verzichten. Andernfalls wird das Schmerzgedächtnis negativ konditioniert, der Kreislauf bricht zusammen und die Heilung wird behindert.

Veröffentlicht von

Holger Röschmann

Geboren am 24.12.1965 in Eckernförde, Sternzeichen: Steinbock, Wohnhaft: Kiel, Zweijährige Ausbildung zum Psychologischen Berater Zweijährige Ausbildung zum Heilpraktiker, Ausbildung zum Psychologischen Berater (hier auch als Berater tätig gewesen), Keine Kinder, Hobbies: Sport, Yoga, Meditation, Lesen, viel Reisen, Blogger. Charakter: Querdenker, kommunikativ, vielseitig interessiert, offen.

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